Digitale Hieroglyphen in der Schulbibliothek

Ein Smartphoneprojekt zu den Lesetagen 2015

haeckel100Sprache ist komplex, präzise und reich an Nuancen. Oft wird den sozialen Medien und Messagingprogrammen wie WhatsApp der Vorwurf gemacht, unsere Schriftsprache über die Maßen zu vereinfachen und die Lesekompetenz unserer Jugendlichen zu senken. Diese Vermutung mag ihre Berechtigung haben, doch der Einsatz neuer Medien birgt große Potentiale für die Förderung von jungen Bücherwürmern.  An der Ernst-Haeckel-Schule hat daher die Schulbibliothek unter Leitung des Vereins KIDS & CO zu den Lesetagen 2015 das Projekt „Digitale Hieroglyphen – Literatur in neuem Gewand“ initiiert. Ziel war zu untersuchen, wie viel Emojis wirklich ausdrücken und ersetzen können.

Was sind Emojis?

Emojis sind Ideogramme, die vor allem in Chats verwendet werden. Anders als die Emoticons, die es bereits seit den späten Neunzigerjahren gibt, bestehen sie nicht aus Satzzeichen und Buchstaben wie :-), ;-), 😛 oder B-), sondern sind graphischer, oft farbig und vermitteln beim Empfänger mehr Emotion. Derzeit sind 722 Emojis vom Unicode Consortium anerkannt.

Die Schülerinnen und Schüler finden sich im Projekt zu kleinen Gruppen zusammen und fangen an zu übersetzen. Dabei sollen sie erforschen und selbst erleben, wie limitiert die Bildsprache der Emojis ist, daher sind Buchstaben und Wörter verboten. Der komplette Text muss in den 722 Emojis ausgedrückt werden.

In der 8. und 9. Klasse wurden Jugendbücher aus der Schulbibliothek übersetzt. In der 8. Klasse wurde das Projekt in ein größeres Modul zum Thema Social Media integriert. Besonders geeignete Textstellen wurden vorab markiert, aber die Schülerinnen und Schüler konnten sich selbst Textstellen suchen. Die Übersetzungen des Titels und von mindestens drei Textstellen konnten sie dann an eine speziell für das Projekt eingerichtete WhatsApp-Nummer schicken.

In der 10. Klasse haben wir unsere Ansprüche etwas nach oben geschraubt und klassische Dramen übersetzt. Dabei arbeitete die 10. Klasse mit unserer Willkommensklasse zusammen. Vorab haben die Schülerinnen und Schüler der Regelklasse Dialoge aus diesen Dramen vereinfacht, sodass beispielsweise aus „ein elender Gran Arsenik wirft sie um“ aus Schillers „Kabale und Liebe“ einfach „ein bisschen Gift haut dich um“ wird. Dann  fanden sie sich zu Gruppen bis fünf Personen zusammen und übersetzten kurze Dialoge.

Das Feedback unserer Schülerinnen und Schüler war durchweg positiv. Wir haben eine andere Perspektive auf Literatur gegeben und alle haben bemerkt, wie facettenreich unsere Sprache ist. Für die Übersetzung mussten sie den Text wirklich verstehen, da die meisten Textstellen nicht wörtlich übersetzbar sind, sie mussten sich Gedanken machen, wie sie Zusammenhänge ohne Konjunktionen und Präpositionen darstellen. Vor allem fühlten sie sich in ihrer Lebenswelt abgeholt und ihre Gewohnheiten respektiert. Der eine oder andere hat sicher auch einen kleinen Funken Freude am Lesen wiederentdeckt.

Kontakt:
Matthias Scheibleger
mscheibleger@kids-und-co.de